Teil VIII - "Aber das mit uns, das ist das, was du nicht in Büchern findest."...




Als er ihr das sagte, locker und lässig wie immer, mit gelben T-Shirt und einer beigefarbene kurzen Hose an einen kräftigen Kirschbaumstamm gelehnt, wurde sie kurz nachdenklich und vertiefte sich dann wieder in ihr Buch.

"Soll ich dir was vorlesen," fragte sie ihn und schaute ihn an, wie er sich fast gelangweilt eine weitere Kirsche vom Baum pflückte und in den Mund steckte.

"Nein, Maus, du sollst mit mir REDEN."

"Warte, ich lese nur noch diesen eine Satz zu Ende!"

"Das muss ja ein unglaublich langer Satz sein, denn das geht nun schon," ... er schaute auf die Uhr, als wäre es nötig auf die Uhr zu schauen, "eine viertel Stunde so."

"Du übertreibst," sagte sie und musste lachen.

"Worum geht es denn in deinem spannenden Buch?"

"Um Liebe."

"Um Liebe?!", lachte er laut. "Geb ich dir davon denn nicht genug?"

"Oh doch, " sagte sie, "aber es geht um andere Liebe."

"Wie meinst du das denn bitte? Du wirst mich doch wohl nicht betrügen.. Mit einem Buch?"

Wieder musste sie lachen. Sie liebte sein schelmisches Funkeln in den Augen und sein verschmitztes Grinsen.

"Ich würde dir ein Buch widmen, wenn ich eins schreiben könnte, weißt du. Es geht um die Liebe zu Büchern, um die Liebe zum Wort und um die Liebe zur Musik. Es geht um die Liebe zur Liebe und es ist eine einzige Liebeserklärung. Das Buch heißt >>Wenn ein Kind an einem Sommermorgen."

"Aha." Verständnislos und erwartend schaute er sie an. "Wer hat denn dieses schöne Buch geschrieben," fragte er, als er merkte, dass sie keine Anstalten machte, fortzufahren.

"Roberto Cotreno. Er hat es für seinen Sohn geschrieben. Er hat es ihm gewidmet, es ist ein Buch nur für seinen Sohn.

"Und das darfst du lesen?", fragte er grinsend.

"Na klar, der gute Mann verdient Geld, weil Menschen wie ich seine Bücher lesen. Auch wenn es nur für seinen Sohn ist. Aber ich glaube, gerade weil es ein Buch nur für seinen Sohn ist, ist es ein so gutes Buch. Es geht auch um Verlust und das Verlieren. Es spricht von dem Buch "Der Untergeher" von Thomas Bernhard, von einem Mann, der in der harten Welt der Pianisten nicht überleben kann, weil er die Kunst nicht mit Liebe betreibt und skizziert an anderer Stelle einen Menschen, der seine Angst nicht überwinden kann und so ohne die Frau und ohne die Liebe seines Lebens bleibt, einsam, verkorkst und unglücklich. Es geht um Feigheit und um Mut und es geht um Poesie. Und es geht um das Kleine und es geht darum, keine Angst vor dem Großen zu haben."

"Maus, wie wär's du nimmst jetzt diese kleine Kirsche in deinen hübschen Mund. Dann küsst du mich und legst das Buch zur Seite," .. und ohne auf ihr protestierendes Gebähren zu achten, nahm er es ihr aus der Hand und küsste sie.

"Na sowas, du bist ja ganz still auf einmal. Dabei bist du doch sonst nicht auf den Mund gefallen," sagte er, sie grinsend anschauend. "Ich hab dir doch gesagt, Maus. Das mit uns, das ist das, was du nicht in den Büchern findest."

1.4.07 13:24

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